Wir sind Gefangene unserer Reiz-Reaktions-Muster

 

Wer autark sein will, muss seine  Reiz-Reaktions-Muster auflösen. Wer frei sein will, sollte auch sein Bedürfnis  nach Anerkennung überdenken.

 

Wer möchte nicht möglichst eigenständig entscheiden, selbständig agieren, frei  handeln und möglichst autonom arbeiten? Wenn ich Führungskräfte zu Beginn eines Seminars danach frage, was ihnen wichtig ist, fällt die Wahl einmütig auf Unabhängigkeit. 100% von ihnen wollen selbstbestimmt arbeiten. Keiner möchte fremdbestimmt sein.  Dieser Mündigkeit jedoch steht so einiges im Wege, und gar nicht mal etwas, das von außen blockiert wie ein strenger Vorgesetzter oder ein allzu enger Aktionsradius. Nein, wir machen uns selbst abhängig und das hat viel mit unserem eigenen Wesenskern, unseren Erwartungen und unserem Verhalten zu tun.

Der weit verbreitete Wunsch nach Anerkennung wie Lob, Streicheleinheiten, Schulterklopfen, Ermutigung macht uns abhängig von Dritten. Wir fühlen uns nur gut, wenn wir Applaus bekommen. Wir achten unsere Arbeit erst dann, wenn wir dafür Komplimente erhalten. Eine stärkere Unterwerfung ist eigentlich kaum denkbar. Das, was wir leisten, muss von anderen erst goutiert werden, damit wir selbst damit zufrieden sein können? Wo bleibt hier die ersehnte Selbstbestimmtheit? Weshalb sind wir nicht selbst der Maßstab für exzellente Ergebnisse, innovative Ansätze, unorthodoxe Lösungen und kooperatives Miteinander?  Aus welchen Gründen machen wir uns von dem Urteil anderer, ob Chefin,  Kollege oder Partner, abhängig?  Und das, obwohl viele ihre Vorgesetzten und Kollegen noch nicht einmal für kompetent halten, ihre Kunden nicht sonderlich schätzen oder ihr Publikum nicht wirklich achten. Doch wenn der Boss, die Kunden oder das Publikum nicht lauthals klatschen, dann ist es mit der Selbstsicherheit vorbei.  Irgendwas läuft hier offensichtlich falsch!

Was wäre, wenn jeder sich selbst und seine eigenen hohen Ansprüche an ein Ergebnis als Maßstab nähme  und so gut arbeitete, dass die eigenen Erwartungen noch übertroffen würden? Derjenige könnte zu Recht zufrieden sein mit sich und seinem Werk.  Völlig egal, ob jemand applaudiert oder nicht. Würde das nicht der Unabhängigkeit entsprechen, die so sehr gewollt wird? Oder umgekehrt gefragt: Bedeutet die Gier nach Lob möglicherweise nichts anderes… als dass ein eher mittelmäßiges oder durchschnittliches Resultat die Legitimation bekommt, in Ordnung zu sein?

Wir lassen uns aber nicht nur durch das Verlangen nach Beifall fremdbestimmen, wir schaffen das auch perfekt durch unsere automatischen Impulse, durch unsere Reaktionen auf bestimmte Reize, die unwillkürlich passieren, also nicht unserem bewussten Wollen zuzuordnen  sind.

Ganz oben in der Hitliste dieser Reiz-Reaktions-Muster ist das Reagieren auf Widerspruch. Kollege A hat eine Idee, Kollege B hat zu diesem Thema eine andere Meinung, einen erweiterten Vorschlag, eine differenziertere Haltung, andere Erfahrungen… und schon kommt es zu einem Disput, weil der Reiz „andere Meinung = Kritik“ die Reaktion „Gegenangriff!“ auslöst.  Nicht nur, dass hier von der Sachebene („Idee“)  auf die persönliche Ebene („Angriff!“) gewechselt wird, es kommt dabei bis auf Reibungsverluste, Misstöne, Antipathien…  nichts dabei heraus, zumindest nichts Konstruktives.

Wenn wir lernen würden, diese Reiz-Reaktions-Muster zu unterbrechen, also statt uns zu verteidigen dem anderen offen und interessiert zuhören und so gemeinsam die besseren Lösungen entwickeln könnten, dann wären wir souverän. Sind wir aber nicht. Wir schmollen, sind verärgert oder wütend, das Ego ist getroffen – und die Chance auf eine fruchtbare Zusammenarbeit (vorerst) vertan.

Diese roten Knöpfe hat jeder und es lohnt sich, diese als solche zu entlarven und wie Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg zu entschärfen. Wer die Meinungen und Erfahrungen anderer respektiert und diese nutzt, der agiert überlegen. Wer Kritik als Anregung begreift, dessen Persönlichkeit wächst. Wer anerkennen kann, dass andere aufgrund ihrer Erfahrungen oder einer anderen Ausbildung oftmals erheblich besser sind, viel mehr können, die klügeren Argumente haben, dienlichere Wege kennen, der ist autark. Eine solche Person nutzt das Mehr-Wissen für sich und die gemeinsamen Ziele statt es zu negieren oder die Anwendung zu verhindern.

Wer dankbar dafür ist, wenn ein anderer ihm einen erfolgreicheren Weg aufzeigt, der ist das, was wir einen Leader nennen.  Denn derjenige hat statt sich selbst das Beste im Sinn. Hat es nicht nötig größer zu erscheinen als er ist - und ihn interessiert auch nicht, was andere von ihm halten. Kritik nimmt er nicht persönlich und Schmeicheleien hält er für nicht angebracht.

 

Wie heißt es so schön: Nobody is perfect. Doch diejenigen, die - ob im Business oder im Privatleben - mit Anregungen konstruktiv wie entspannt umgehen, weil sie das große Ganze im Sinn haben, kommen dem schon ziemlich nahe.

©Silke Samel für FeelYourLimit