Wenn das Ego zur Falle für alle wird!

Deine Idee? Meine Idee! Ich bin super! Wenn das Ego zur Falle für alle wird!

 

Deine Idee? Meine Idee! Ich bin super!

Wenn das Ego zur Falle für alle wird!

Oder: Warum konstruktiv streiten gelernt sein will.

Ob in der Firma oder in den Ferien, in der Familie oder im Freundeskreis, es gibt nahezu ständig Situationen, die geklärt werden müssen. Das ist zwar lästig, aber leider nicht zu umgehen. Denn sobald mehr als eine Person anwesend ist, gibt es auch mehr als nur die eine Meinung.

(Ganz abgesehen davon, dass wohl jeder von uns - schon für sich alleine - oft mehrere Überzeugungen zum selben Thema hat. Je nach dem, ob es uns gerade gut oder schlecht geht, argumentieren und handeln wir mal so und mal so… aber das ist ein anderes Thema).

 

Es geht bei einer Auseinandersetzung höchst selten wirklich um die Sache

…obwohl das alle Beteiligten jederzeit behaupten. Woran liegt das?

Fangen wir mit den Heißblütern an, die sofort in die Luft gehen, sobald ihre Idee, ihre Arbeit, ihr Produkt bei anderen nicht gut ankommt und ein Klügerer oder die Mehrheit beschließt, es doch (noch) besser machen zu wollen.

Wenn es um den Kunden und seine Wünsche und Belange ginge, würden solche Qualitäts-Diskussionen als fruchtbar, wichtig und hilfreich wahrgenommen werden. Denn wenn der Kunde nicht das bekommt, was er braucht oder erwartet, ist der eingeschlagene Weg wohl nicht der richtige.

 

Kunde oder Ego – wer soll hier bedient werden?

Ein Beispiel aus der Fernsehredaktion. Hier hocken gerne viele kreative Geister beisammen, die sich – als Filmemacher beispielsweise – auch schöpferich austoben dürfen bei ihren Aufträgen. Wenn jedoch die künstlerische Idee nicht zum Ziel führt, sprich, wenn der Zuschauer den Film nicht kapiert, oder das Thema nicht klar transportiert wird, wenn die Haltung des Autors widersprüchlich, der Text unlogisch ist oder der Aufbau des Beitrages unklug, weil verwirrend… wenn wichtige Informationen fehlen, der Film weder interessant noch lebendig noch klar ist… dann kann da so viel Kreativität, Zeit, Einsatz und Leidenschaft seitens des Reporters drin stecken, der Film bleibt schlecht. Weil der Kunde = Zuschauer schlecht bedient wird.

 

Werden Sie nicht zum besten Freund der Konkurrenz.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Zuschauer-Kunde nach 30 Sekunden die Nase voll hat, umschaltet oder lieber auf seinem Smartphone surft, ist sehr hoch. Man hat den Kunden erfolgreich in die Arme der Konkurrenz getrieben.

 

Es geht nie darum, die eigene Idee durchzukriegen, sondern um die bessere bis beste Idee! 

Wenn bei unserem Fernseh-Reporter jetzt nach dem kritischen Feedback auf seine Arbeit das Ego die Regie übernimmt, dann passiert Folgendes: Er ist gekränkt, er reagiert beleidigt, er verschließt sich allen Verbesserungsvorschlägen, er blafft zurück… die Lautstärke der Auseinandersetzung nimmt zu.

Wenn das (nicht schlagende) Argument kommt „ Aber damit (dem Neuen, Verbesserten, Anderen)  kann ich mich nicht mehr identifizieren“, dann ist glasklar nicht der Verstand im Spiel, sondern das Ego. 

Dieses Outing zeigt herrlich, worum es dem Redaktionsmitarbeiter geht: um ihn selbst. Es geht ihm offensichtlich nicht darum, dass der Kunde=Zuschauer etwas von dem Filmbeitrag hat, dass er ihn versteht, dass für ein möglicherweise bedeutendes Thema die nötige Aufmerksamkeit geweckt wird, dass der Beitrag etwas bewegt. Es geht ihm um sein Werk, um seine Arbeit, es geht ihm um sich.

 

Verwechslungs-Drama. Ich bin meine Arbeit.  (Nein!!!) 

Der Filmemacher verwechselt sich mit seinem Produkt. Dieses Verwechslungs-Drama passiert uns allen immer wieder, wenn wir denken wir seien unsere Idee, unser Aussehen, unser Einkommen, unser Job.

 

Wir haben Ideen, aber wir sind sie nicht.

Wir machen ein Produkt, aber wir sind nicht das Produkt.

Wir erhalten ein Honorar, aber wir sind nicht unser Honorar.

Wir besitzen ein (gutes bis weniger gutes) Aussehen, aber wir sind nicht unser Look.

 

Wer hier sauber unterscheidet, ist klar im Vorteil.

 

Heulsusen-Modus – bitte niemals!

Je mehr Widerstand wir gegenüber einer Qualitätsdiskussion zeigen, desto quälender wird der Entscheidungsprozess für alle Beteiligten. Wenn dann noch in den Heulsusen-Modus umgeschaltet wird, sind betretene Gesichter die Folge, mitunter auch ein radikaler Gesichtsverlust.

(Mitunter erlebt man hier gestandene Männer, die sich wie Kleinbilder sinnbildlich auf den Boden werden und mit den Beinen trampeln, weil sie nicht durchkommen mit ihren Argumenten oder Ansichten).

Wer sind nun die Mitspieler oder Gegenspieler bei einer solchen Auseinandersetzung? Mit Glück sind es Profis, die die berechtigten Erwartungen der Kunden im Sinn haben wie Verständlichkeit, Klarheit, gute Dramaturgie… und die mit konstruktiven Lösungen die notwendigen Veränderungen auf den Weg bringen

 

Wie kommt man nun zum besseren Produkt, zur eleganteren Lösung, zum Besten für alle, wenn  sich der Verantwortliche (Macher/Kollege) bei der Qualitätsfrage stur stellt?

 

1.    Saubere Argumentation! Klare Analyse!

Das Ergebnis (Film / Produkt / Idee etc.) muss professionell abgenommen werden. Eine klare Analyse ist enorm hilfreich:

Was ist schon gut und kann beibehalten werden?

Was fehlt noch? 

Was ist kontraproduktiv, weil nicht zielführend?

Wo hat man sich vielleicht verschätzt und braucht einen neuen Zugang?

Was ist verwirrend, irritierend, was macht den Gebrauch des Produktes unnötig schwierig?

Welche Wirkung hat das Produkt?

Das gilt es u.a. zu klären.

Klug ist es, hier zunächst das zu ermitteln und zu erwähnen, was stimmig ist und was für das Produkt in der jetzigen Form spricht. Danach erst kommt das zur Sprache, was es noch zu verbessern gilt. Ziel: Einsicht!

 2.    Der Ton macht die Musik

Egal wie hoch der Zeitdruck sein mag oder wie die Gemengenlage der beteiligten Temperamente ist: Beleidigungen sind grundsätzlich fehl am Platz. In unserem Fall stünde auf der Don’t-List: „So einen Mist will keiner sehen“, „Langweiliger geht’s ja kaum noch“,  „Was hast Du Dir denn dabei bloß gedacht?“. Auch „Der Film ist echt scheiße“ regt keinen Macher dazu an, sich mit Lust und Laune an die nötigen Veränderungen zu machen.

 3.   Keine anderen Egos in der Diskussionsrunde!

Sehr zum Vorteil ist es zudem, wenn nicht noch andere Egos an der Diskussion beteiligt sind, wie vielleicht ein Chef, der aus seiner Machtposition heraus argumentiert statt aus Sicht der Kunden und des gemeinsamen Erfolges.

( „Chef-Ego“ ist immer dann vorhanden, wenn der Vorgesetzte grundsätzlich irgendwas zu meckern hat, nur weil er der Boss ist..).

 4.     Auf die Eigeninteressen achten!

Wenn etwas schön geredet wird von Kollegen, die selbst Kritik nicht  gut vertragen (Ich tue Dir nicht weh, Du mir dann bitte auch nicht!), ist das für ein gutes Endergebnis nicht förderlich.

Wenn gemäkelt wird, nur weil man den Kollegen nicht leiden kann und/oder in Konkurrenz zu ihm steht, ist das menschlich mies und zudem hoch unprofessionell. Wer negative Kritik nur deshalb äußert, um sich damit zu profilieren, tut dem großen Ganzen auch nichts Gutes.

 5.    Keine Freundschaftsdienste

Kontraproduktiv sind auch „Buddies“, die dem Kollegen persönlich so nahe stehen, dass sie dessen Arbeit gar nicht mehr neutral beurteilen können. (Freunde stehen sich ja schließlich in schwierigen Zeiten bei! – bringt dem Kunden aber leider nichts).

 6.    Politisch unkorrekt, aber: Schmeicheln hilft

Bei den Kollegen, die ein sehr hohes Anerkennungsmotiv besitzen, kommt man strategisch mit Schmeicheleien weiter (das ist zwar manipulativ, aber wirkungsvoll). Man schmiert demjenigen Honig um den Mund, damit Widerstand oder Jammerei endlich aufhören und der Film in diesem Fall die notwendigen Veränderungen erfährt. (Und beim nächsten Mal besetzt man die Aufgabe mit einem passenderen Autor).

 7.    Konsequent sein

Sollte auch die Lobhudelei nichts bringen, dann macht es im Ernstfall Sinn,  dem In-sein-Produkt-Verliebten oder zu  Störrischen die Aufgabe zu entziehen und sie einem anderen zu geben.

 

Wer den Kunden aus den Augen verliert, verliert das Ziel aus dem Sinn. Erfolg wird unmöglich.

Aus welchen Gründen tun sich jetzt aber die sachdienlichen Hinweise so schwer, bei dem emotional „Argumentierenden“ anzukommen und akzeptiert zu werden?

Oftmals, weil derjenige, der sachlich-professionell denkt und spricht bei seinem egogesteuerten Kollegen gar nicht ankommt. Denn der ist in seiner aufgewühlten Gefühlslage völlig dicht, bei dem läuft das archaische Uraltschema des „Ich werde angegriffen, also muss ich mich wehren“ ab. Dieser Mensch sieht keinen Unterschied zwischen „sein Produkt/ sein Ergebnis war noch nicht gut genug“ und „er als Mensch ist nicht gut genug“ (was meist nie jemand behauptet und auch nicht denkt, dies jedoch dennoch so bei ihm ankommt).

 

Selbstverliebtheit ist der Feind einer guten Selbsteinschätzung.

Und dann gibt es noch die schönen psychologischen Studien, die aufzeigen, dass die meisten Menschen das, was sie selbst machen, für besser halten als das von anderen. So wird das erste selbstgekochte Risotto grundsätzlich als leckerer und  besser gelungen eingeschätzt als die preisgekrönte Version vom 2-Sterne-Koch, die zum Vergleich serviert wird. So wird die sympathisch stümperhafte erste Origami-Faltarbeit als ästhetischer und hübscher eingestuft als die vom japanischen Großmeister. Nicht aus einer witzigen Selbstironie heraus, sondern mit vollem Ernst.

 

Diagnose: unzurechnungsfähig!  Verstand verzweifelt gesucht!

…möchte man hier ausrufen. Mitunter hilft es, diese psychologischen Tests zu zitieren, damit klar wird, was in einer Diskussion zu „Was ist gut? Was ist noch nicht gut? Wie machen wir es besser?“ so alles abgeht.

 

Kein Kunde will König sein, jeder Kunde will aber das beste Produkt!

Egal, was ein Unternehmen zu verkaufen hat, wenn das Produkt nicht erstklassig oder die Marketingstrategie nicht auf den Wunschkunden zugeschnitten ist, dann wird der Erfolg ausbleiben. Da kann jeder der Beteiligten 80 statt 40 Stunden die Woche schuften. Oder auch jeder Mitarbeiter von sich fälschlicherweise glauben, er sei genial.

 

Es geht nicht um Fleiß, es geht um Qualität. 

Wenn ein Ego die so notwendige Qualitätsdiskussion immer wieder unmöglich macht - und das nicht nur mal an einem schlechten Ausnahmetag - , dann (leider!) macht der Mitarbeiter für dieses Unternehmen oftmals nur noch recht wenig Sinn.

Wenn die Einsicht fehlt, sich die Perspektive der Kunden zueigen zu machen oder die Argumente der Kritiker zu verstehen, wenn die Bereitschaft fehlt, sich zu verbessern und zu lernen.... oder auch, wenn es jemanden unmöglich ist, die Aufgaben, die er  offensichtlich weniger beherrscht als andere, generös abzugeben… dann gibt es nur eine gute Lösung.

 

Sauber getrennt ist besser als schmutzige Wäsche zu waschen.

Denn auch das passiert oftmals bei emotionsgeladenen Gefühls-Egomanen: Aufgrund der Verwechslung von Persönlichkeits- und Sachebene, wird der Tonfall schärfer, werden Verbündete im Team akquiriert, Gegnerschaften aufgebaut und Intrigen geschürt, hier wird es dann gerne auch mal schön schmutzig.

 

Mir sind bei meinen Beratungsaufträgen im Laufe der Jahre nicht wenige solcher egogetriebenen Mitarbeiter/innen wie Manager/innen und Chefs in den unterschiedlichsten Unternehmen begegnet… bis zum Aufsichtsrat hin. Oftmals gab es das Angebot "von oben" oder von den Kollegen, sich coachen zu lassen. Doch wenn die offen kommunizierten Anspruchshaltung und der Auftrag des Klienten dann  lautet „Coach, verschaffe mir bitte ein besseres Ansehen in der Firma, ohne dass ich etwas an mir, an meiner Einstellung, an meinem Handeln ändern muss“, ist die Basis für eine Selbstreflexion mit anschließendem Persönlichkeitswachstum (noch) nicht gegeben.

 

Last exit: Au revoir, good buy und: Tschüß!

Die Erkenntnis und Erfahrung daraus: Egal ob multinationaler Konzern, familiengeführter Mittelstand oder Arztpraxis: Die Umsatzzahlen stiegen jeweils eklatant… (oft schon sehr kurz) nachdem sich die Firmen von ihren Egos getrennt hatten.

©Silke Samel für FeelYourLimit