Von der Filmleinwand lernen (1): „Dior und ich“

Von der Filmleinwand lernen (1): "Dior und ich"

 Von der Filmleinwand lernen (1):  „Dior und ich“

Es gibt Branchen, da ist eine verspätete Lieferung der Leistung undenkbar. Dazu gehören Krankenhäuser, die jeden Schwerkranken oder –verletzten sofort behandeln müssen. Dazu zählen auch Live-Fernsehübertragungen, beispielswiese von Fußballspielen. Egal was an Technik im Ü-Wagen und drumherum kaputt geht, völlig wurscht, was an Missverständnissen zwischen den rund 100 – selten miteinander vertrauten oder bekannten - Teammitgliedern passiert, es wird gesendet. Jetzt. Auch die Zusammenfassung eines Fußballspiels wird kurz nach dem Ende des Spiels aufbereitet in der Sportschau gezeigt, völlig egal, was an Chaos hinter den Kulissen abgehen mag, wieviel Technik streikt, wer wie kränkelt und ob die Interviewpartner den Reporter versetzen. Geliefert wird jetzt. Nicht morgen, übermorgen oder kommende Woche.

 

Spätere Lieferung  als angekündigt? Undenkbar!

Eine dritte Branche, in der es keinerlei „Haben Sie noch ein wenig Geduld, wir liefern später – Möglichkeit“  gibt, ist die Modebranche. Und hier ist die Haute Couture ganz große Herausforderung und Kunst zugleich, denn hunderte von  Ideen, Veränderungen, Verbesserungen, Weiterentwicklungen, Modifikationen und  Menschen müssen auf den Punkt fertig sein und eine perfekte Show abliefern. Davon hängt ein ganzer Unternehmenserfolg ab. Und das persönliche Schicksal eines Designers plus seiner Assistenten. Von einem einzigen Mal.

 

Manchmal gibt es nur eine Chance: Der erste Eindruck!

In dem Kino-Dokumentarfilm „Dior und ich“ begleitet ein kleines Kamerateam den neuen Chefdesigner Raf Simons (vorher Jil Sander) bei seiner ersten Haute Couture-Kollektion für das legendäre Haus Dior.

Die Fußstapfen von Christian Dior könnten riesiger nicht sein. Zudem gilt Raf Simons als Minimalist, Dior dagegen schuf feminine, verspielte Kleidung. Schaffte Revolutionen ohne einen Tropfen Blut. Und sein Geist weht bis heute durch die Räume von CD, zumindest die langjährigen Mitarbeiter nehmen ihn spürbar wahr.

 

Als neuer Chef das Erbe berücksichtigen  -  und dennoch nicht das Alte wiederholen

… diese Situation kennen auch viele Manager aus Konzernen, die quer in bisher familiengeführte Unternehmen einsteigen und dort exakt denselben Spagat vollbringen müssen: Etwas Neues schaffen, ohne das Alte dabei zu verleugnen.

Leider schaffen das nur die Wenigstens. Die als „Besserwisser ohne Ahnung“ wahrgenommenen „Profi-Manager“ werden misstrauisch beäugt, treten diese doch oftmals in sämtliche vorhandenen  Fettnäpfchen. Heißt, sie missachten das Bisherige, erkennen die Leistungen der Vergangenheit nicht an, nehmen die Belegschaft nicht mit, haben zu wenig bis gar kein Gespür für die bisherige Kultur und versauen zunächst einmal gründlich das Klima.

Raf Simons macht das exzellent anders. Er beschäftigt sich mit dem Erbe Diors, übernimmt dessen Idee von formvollendeter Weiblichkeit und modernisiert diese  so geschickt und kunstvoll, dass ihm ein außergewöhnlicher Triumph gelingt.

 

Von der Modebranche lernen

auch hier müssen immer wieder ungeliebte Kompromisse gemacht werden, gibt es keine win-win-Situation, die alle Beteiligten gleichermaßen zufrieden stellt, wenn die Chef-Direktrice kurz vor der Haute Couture-Show, - es ist noch nichts an Kleidern fertig - ,nach New York zu einer wichtigen Kundin fliegen muss.

Die Kunden, die das meiste Geld bringen (in diesem Fall bis zu einer halben Millionen pro Saison), müssen eben auch bedient werden – der neue Chefdesigner braucht seine wichtigste Kraft aus dem Atelier jedoch ebenso,schließlich wirkt  jeder Zeitverlust wie ein Damoklesschwert! Was tun?  Jeder hat Recht, alle Argumente sind nachvollziehbar. Lösung: Weiterarbeiten, zunächst akzeptieren, dass die Atelierchefin aus NYC nicht pünktlichzurückkommt mit dem Flieger – und die Konzentration wieder auf das richten, was als Nächstes zu tun ist.

 

Leidenschaft für die gemeinsame Sache. Besser kann Teamwork nicht sein, wenn jeder Profi ist.

Es ist berührend zu sehen, wie sich alle -  Näherinnen, Zuschneiderinnen, Fadenkünstler -  im Atelier am Abend vor der Show solidarisch zusammentun, um gemeinsam bis in die Nacht an einem Kleid zu arbeiten, das doch noch einmal verändert werden muss.

Einige sind seit 40 Jahren bei Dior und immer noch ist jede neue Haute Couture-Kollektion für sie ein wundervolles gemeinsames Abenteuer, das es geschlossen als Team zu bestehen gibt. Mit viel zu vielen arg  zu kurzen Nächten in eigenen Bett, dafür mit ständig weiteren kreativen Einfällen von Raf Simons, die zu erneuten Umarbeiten an den Kleider-Kunstwerken führen, und zu nicht enden wollenden Arbeitstagen mit viel zu viel Kaffee und Sweets.

 

Überstunden als „Challenge“, denn alle Beteiligten haben ein gemeinsames Ziel

…bei dessen Erreichen sie aller gleichermaßen stolz und sichtlich hochglücklich sind.

Arbeitszeiten müssen nicht immer zwingend von außen reglementiert und beschränkt werden.  Wenn Liebe, Hingabe und Leidenschaft zum Beruf da sind dann ist die Arbeit keine Zumutung, sondern das Beste, was einem geschehen kann.

 

Für alles Große gilt: Der Boss, der Geldgeber, muss mitziehen.

Als Raf Simons sich den Ort für seine erste Dior-Show aussucht und ein altes wunderschönes, wenn auch in die Jahre gekommenes und renovierungsbedürftiges Pariser Stadtpalais entdeckt… kommt er auf die umwerfende  Idee, die ergrauten wie schmuddeligen Wände in sämtlichen Räumen (durch die Models später ein eniziges Mal wandeln werden), komplett mit echten Blumen zu verkleiden.

 

50 Menschen brauchen dafür 48 Stunden… dann ist das Paradies, das duftende wie blühende, geschaffen.  Für eine einzige Show. Wenn auch mit dem denkbar illustresten Publikum , angefangen bei Sharon Stone und Jennifer Lawrence  über Isabelle Huppert bis hin zu allen berühmten wie berüchtigten Modekritikern wie Anne Wintour und Suzy Menkes, jeder ist von Rang und Namen.

 

Außergewöhnliche Ideen brauchen Mut und Unterstützung.

Zum guten Schluss, „Abgeben können“ – auch das kann man von Raf Simons lernen. Denn der Belgier zeichnet nicht alle seine Modelle selbst, sondern sammelt Ideen, lässt sich inspirieren (durch Kunst) und gibt dann seinem bestens ausgebildeten Team die Aufgabe, daraus Modezeichnungen zu machen… die er dann modifiziert und seiner Vision anpasst. Das ist großartige Beteiligung, das schafft Zusammenhalt und Engagement im Team und das ist gelebte Wertschätzung.

©Silke Samel für FeelYourLimit

 

Film:  Dior und ich. Dokumentation.

Filmstart 25. Juni 2015

Regie: Frédéric Tcheng